Funktionelle Bewegungsmuster (Teil 1): Asymmetrien

AsymmetrienDass Sport meines Erachtens nicht zwangsläufig gesund ist, habe ich in einem meiner ersten Blogs geschrieben, dass auch Bewegung nicht per se gesund ist, führe ich darin ebenfalls auf. In diesem ersten Artikel hier (einer 3-teiligen Folge) möchte ich darauf eingehen was unfunktionelle (ungesunde) Bewegungsmuster kennzeichnet (Teil 1: Asymmetrien, Teil 2: unerwünschte weiterlaufende Bewegungen) und in Teil 3 dann eine Möglichkeit aufzeigen, funktionelle Bewegungsmuster zu beurteilen. Diese Artikelreihe ist eine leicht verkürzte und aktualisierte Form des Kapitels 8 aus meinem Text ‚Beweglichkeit‘.

Das Konzept welches ich hier vertrete ist nach Paul Ingraham wohl dem Bereich der ‚Strukturalisten‘ zuzuordnen und nach einem hier verlinkten Potcast von ihm, welchen ich sehr spannend finde, bin ich etwas ins Grübeln gekommen wie stark dieser von mir hier vertretene Strukturalismus Sinn macht. Paul Ingraham versteht kurz gesagt folgendes unter einem Strukturalisten:

„‚Structuralism‘ is my own term for the excessive focus in the physical therapies on postural and biomechanical factors in pain problems — the biomechanical bogeymen.“

Ich frage mich etwas in wie weit der Grundsatz ’never change a running system‘ Sinn macht. Oder anders ausgedrückt; macht es Sinn bei einer Person ohne Schmerzen an Asymmetrien oder Ausweichbewegungen präventiv zu arbeiten oder können dadurch mehr Probleme entstehen als gelöst werden? Es gibt Menschen mit einer offensichtlichen Beinachsenfehlstellung ohne Schmerzen und solche mit einer optimalen Beinachse, welche aber Knieschmerzen haben. Inwiefern macht es also Sinn im Training auf eine ‚korrekte‘ Beinachse zu bestehen?

Im Moment komme ich aber nach wie vor zum Schluss, dass das nun im folgenden aufgezeigte Konzept mehr Vor- als Nachteile hat und wende es auch an. Es dient mir als Leitplanke, mit dem Wissen, dass die Leitplanke wohl nicht so starr ist wie wir sie von Strassen kennnen. Es würde mich aber sehr interessieren, wie du das siehst?

Nun aber zu den funktionellen bzw. unfunktionellen Bewegungsmustern (ich spreche lieber von artgerecht bzw. nicht artgerecht):

Sehr stark mit der Thematik der Funktionellen Bewegungsmuster setzt sich das Konzept der Funktionellen Bewegungslehre auseinander, welches auf die Schweizer Physiotherapeutin Susanne Klein-Vogelbach zurückgeht. Im Buch ‚Praxis LWS Erkrankungen – Diagnose und Therapie‘ ist folgendes zu lesen:

„Eine grundlegende Forderung nach dem FBL-Konzept ist es, Haltung und Bewegung ökonomisch zu gestalten und damit die muskuläre Arbeit optimal zu regulieren. Dadurch werden die passiven Strukturen (z. B. Bandscheiben, Bänder, Sehnen, Knochen) maximal geschützt“ (Eckardt, 2011, S.91).

Aus diesem Zitat habe ich versucht zu formulieren was funktionelle bzw. artgerechte Bewegungsmuster sind: Es sind meiner Meinung nach, artgerechte Bewegungsmuster, welche ökonomischer sind als andere und die muskuläre Arbeit optimal regulieren, wodurch die passiven Strukturen maximal geschützt werden.

Gray Cook (2010, S.399) macht es mir einfacher wenn er sagt, dass die meisten Menschen unfunktionelle Bewegungsmuster erkennen können, aber Mühe haben zu erklären was funktionelle Bewegungsmuster sind.

Dies bestätigt auch Susanne Klein-Vogelbach, welche im Buch von Suppé zitiert wird:

„Laien können die veränderten Bewegungsmuster genauso gut erkennen wie Physiotherapeuten. Der Mensch ist mit seinen ,artgerechten‘ Bewegungen vertraut“ (Klein-Vogelbach, 1995 zit. nach Suppé, 2007, S.144).

Auch für mich ist es einfacher zu verstehen was unfunktionelle (nicht artgerechte) Bewegungsmuster sind. Betrachte beispielsweise das folgende Bild, meines Erachtens befinden sich weder die Hunde noch die Menschen in diesem Bild in artgerechten Bewegungsmustern. Und im Gesundheitssport haben solche Bewegungsmuster meines Erachtens nichts zu suchen. Die Gefahr insbesondere für die Kniegelenke ist viel zu gross und der praktische Nutzen für den Alltag kann ich nicht erkennen.

unfunktionelle Bewegungsmuster

Das sind nun natürlich Extrembeispiele, aber ich denke, wenn wir unfunktionellen Bewegungsmustern mehr Aufmerksamkeit schenken und sie zu beseitigen versuchen, dann kommen wir nach meiner Überzeugung den funktionellen Bewegungsmustern und damit der optimalen Beweglichkeit, entscheidend näher.

Unfunktionelle Bewegungsmuster – unfunktionelle Beweglichkeit

Ich möchte deshalb nun auf den ersten von zwei zentralen Aspekten eingehen, welche unfunktionelle Bewegungsmuster und damit auch potentiell ungesunde Bewegungsmuster charakterisieren. Es sind dies Asymmetrien, sowie unerwünschte weiterlaufende Bewegungen.

Asymmetrien

Asymmetrien sind für mich deutlich einfacher zu erkennen, zu beschreiben und so möchte ich mit diesen beginnen.

Die Beseitigung von Asymmetrien ist dann auch der erste Fokus in der Praxis, welcher sich meiner Meinung nach lohnt angegangen zu werden.

Unser Bewegungsapparat ist grösstenteils symmetrisch aufgebaut. Wenn wir unseren Körper in der Sagittalebene teilen, finden wir in der rechten Körperseite dieselben Muskeln, Knochen, Bänder, Nerven, Gelenke, etc. wie in der linken Körperseite. Ich denke wir können davon ausgehen, dass wir mit der rechten Körperhälfte in etwa dieselben Bewegungen ausführen können wie links. Wenn ich mit der linken Hand bis an eine bestimmte Stelle am Rücken greifen kann, dann sollte dies wohl auch mit der rechten Hand möglich sein. Ist dies nicht der Fall habe ich eine Asymmetrie entdeckt, welche ich mir im Verlaufe meines Lebens erworben habe, aber mit grosser Wahrscheinlichkeit war diese nicht natürlich schon bei der Geburt vorhanden (Ausnahmen gibt es meistens). Viele Bewegungen beanspruchen aber gleichzeitig die rechte und die linke Körperseite, wie zum Beispiel der Ausfallschritt. Wenn ich z.B. in der Lage bin mit dem rechten Fuss einen Ausfallschritt auf einer Linie zu machen und dabei im Oberkörper stabil bleibe, ich aber eine deutlich schlechtere Ausführung hinkriege, wenn ich mit dem linken Bein voran gehe, dann habe ich wohl auch eine Asymmetrie und sollte diese nach meinem Empfinden beseitigen. Vielleicht denkst du nun; ja aber jeder von uns hat eine bevorzugte Seite, entweder man ist Linkshänder/in oder Rechtshänder/in. Das ist sicherlich richtig, davon spreche ich hier aber nicht. Ich spreche hier von Asymmetrien auf einer viel grundsätzlicheren Ebene. Ich denke wir sind uns wohl einig, dass wir im Einbeinstand links wie rechts gleich gut sein sollten. Wir laufen ja schliesslich täglich mit rechts und links und hüpfen nicht auf unserem Sprungbein durch die Gegend. Ich denke viele von uns gehen mit Asymmetrien durchs Leben und wissen dies insgeheim auch, sind sich aber nicht bewusst, dass sich diese unter Umständen negativ auf ihren Bewegungsapparat auswirken können, da dieser nicht gleichmässig belastet wird. Ob und wie genau sich Asymmetrien negativ auf den Körper auswirken, das ist sicherlich sehr komplex und nicht nagelfest zu quantifizieren (hier setzen die in der Einleitung geschriebenen Gedanken zum Strukturalismus an) Ich persönlich fühle mich aber besser, wenn ich zumindest ansatzweise symmetrisch bin und habe das Gefühl, dass ‚mein Körper‘ dann besser funktioniert. Ich denke das sieht auch Gray Cook so, wenn er folgendes sagt:

“The ultimate representation of harmony within the body is symmetrical and unrestricted movement patterns” (Cook, 2010, S.214).

Erkenne ich eine Asymmetrie in meinem Bewegungsverhalten, dann habe ich das intuitive Gefühl, dass ich um es umgangssprachlich auszudrücken ‚verzogen‘ bin und mein Fahrgestell wieder etwas ausrichten bzw. zentrieren sollte. Wenn ich eine Acht in einem meiner Veloräder habe, dann versuche ich diese ja auch zu beseitigen und warte nicht, bis die Acht immer noch grösser wird. Dasselbe Prinzip ist es auch mit ‚unserem Körper‘. Wenn ich ‚verzogen‘ bin, dann versuche ich das zu beheben, denn einfach so durch Zufall ist zumindest bei mir noch nie eine Acht wieder gerade geworden, eher das Gegenteil ist der Fall.

Ich zum Beispiel habe früher meinen Rücken immer nur mit der linken Hand mit Sonnencreme eingecremt, da ich mit dieser deutlich besser an die Brustwirbelsäule greifen konnte. Ich war mir nicht bewusst, dass es viel sinnvoller wäre zu versuchen den Rücken mit meiner rechten Hand einzucremen und meine Schwachstelle damit zu bekämpfen, als einfach die einfachere Variante zu wählen. Ich vermute solches Verhalten kennen die meisten von uns. Wieso den mühsamen aber sinnvollen Weg wählen, als den bequemen Weg. Auch ‚unser Körper‘ kennt solche Strategien. Ich würde aber nicht sagen weil ‚er‘ zu faul ist, sondern wohl eher, weil ‚er‘ uns unsere Bewegungswünsche erfüllen möchte. Und damit sind wir beim zweiten Aspekt von unfunktionellen Bewegungsmustern, den unerwünschten weiterlaufenden Bewegungen, auf welche ich dann in meinem nächsten Blog eingehen werde.

Ich hoffe dass du etwas nützliches in diesem Blogpost erfahren hast und würde mich über deine Gedanken dazu sehr freuen.

In diesem Sinne:

First move well, than move often. (Gray Cook)

Die Erweiterte Bewegungspyramide

Quellen: Beim Autor erhältlich

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